Können Wohnungen krankmachen?

Diese und einige weitere spannende Fragen haben wir dem Wohnpsychologen Dr. Deinsberger-Deinswerger gestellt.

© UNA plant/Iris Winkler

Ulrike Nachbargauer: Herr Dr. Deinsberger-Deinswerger, Sie sind Wohnpsychologe, was genau kann man sich darunter vorstellen?

Dr. Deinsberger-Deinswerger: Der zentrale Mittelpunkt der Wohnpsychologie ist der gebaute menschliche Wohnmittelpunkt und die Wirkung von gebauten Räumen auf das Befinden, auf das Verhalten, das Zusammenleben oder auch auf die Konzentration und die Motivation, wenn es um Arbeitsplätze oder Lernplätze geht.

Ulrike Nachbargauer: Was sind krankmachende Dinge im Innenraum? Wie kann man die vermeiden und was ist förderlich für die menschliche Psyche?

Dr. Deinsberger-Deinswerger: Wenn es um das Wohnen geht, steht bei uns die langfristige Perspektive im Vordergrund. Es gibt wenige Aspekte die bei kurzfristiger Exponiertheit wirklich dramatische Folgen haben, außer auf das momentane Befinden.  Die langfristigen Wirkungen sind meist die unterschwelligen – die einem zunächst nicht auffallen, wenn man denen ausgesetzt ist. Ein Thema ist – jetzt muss ich einen Fachbegriff wählen – sensorisch deprivative Umwelten. Das heißt, Umwelten die einen Mangel an Stimuli bieten. Unser sensorisches System braucht Nahrung, also Stimuli aus der Umwelt.

N: Welche Stimuli sind das zum Beispiel?

D: Da geht es um den gesamten Erlebnisgehalt. Dazu gehören Einrichtung, Ausstattung, Farbe, Licht. Also Räume die beispielsweise in kahlem Weiß gehalten sind und wo auch der Ausblick nicht besonders viel hergibt. Das sind Umwelten die langfristig gesehen durchaus dazu beitragen können, dass die Wahrscheinlichkeit für Burnout und Depressionen höher wird. Wenn auf Dauer ein Mangel an Stimuli vorherrscht dann ist das etwas, dass sich langfristig, aber auch mittelfristig auf die Erholungsqualität auswirkt. Zwar kann der Raum in den ersten Minuten oder der ersten halben Stunde Erholung generieren, aber nach wenigen Stunden kommen schon die ersten Symptome. Eine leichte innere Unruhe und ein Unwohlsein, ohne genau zu wissen warum. Das ist ein Wesensmerkmal, wenn ich es nicht genau definieren kann warum ich mich unwohl fühle, sind nicht selten die Räume daran schuld.

N: Wie schafft man überhaupt diese stimulierenden Effekte?

Da kommt das zweite Bedürfnis hinzu, das bei Wohnungen relevant ist: seine Wohnung zu personalisieren. So wird aus einem neutralen Raum nach und nach ein persönlicher. Das stärkt die emotionale Bindung zur Wohnung, erhöht auch die Wohnzufriedenheit und den Erlebnisgehalt einer Wohnung. Eine ausreichende Anzahl an Stimuli hängt auch vom Außenraum ab. Wenn der Außenraum viel bietet, zum Beispiel ein Blick in die Natur, kann ich im Innenraum durchaus schlicht bleiben. Wenn der Außenraum wenig bietet, dann sollte ich in den Innenraum mehr Stimuli reinbringen, zum Beispiel Pflanzen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede beim Thema Wohnen und Einrichten?

Was diese Forschungen bis jetzt ergeben haben zeigt, dass die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts deutlich größer sind, als die Unterschiede zwischen zwei Geschlechtern. Also die Unterschiede zwischen Mann zu Mann und Frau zu Frau sind deutlich größer als zwischen Frau und Mann. Häufig ist es so, dass der Mann aus Angst davor die Beziehung zu gefährden der Frau die Einrichtung überlässt. Oftmals verbringt der Mann aus den traditionellen Rollen heraus viel Zeit außerhalb des Hauses. Frauen verbringen häufig durch die Kindererziehung mehr Zeit Zuhause – dadurch können sie auch auf die Einrichtung mehr Einfluss nehmen. Ich kenne aber auch schon Fälle wo es durchaus umgekehrt ist.

N: Ich würde aus meiner Erfahrung sagen, dass es Unterschiede in der Gestaltung gibt. Also Unterschiede im individuellen Gestaltungsbedürfnis zwischen Mann und Frau. Männer sind oft schon mit sehr geraden Formen und mit Schwarz/Weiß-Kontrasten zufrieden.

D: Einen Unterschied zwischen den Geschlechtern kann ich hier nicht bestätigen. Häufig ist es aber so, dass wenn sich jemand unsicher in der Gestaltung fühlt, eher zu Schwarz, Weiß oder Grau tendiert. Menschen die sich sicherer sind wählen Farben. Denn zu Farben braucht es auch einen gewissen Mut. Es kann sein, dass Frauen mehr Mut zur Farbe haben, aber ich kenne durchaus auch andere Fälle. Ich würde eher dazu neigen zu sagen, dass bei Leuten die tendenziell auf Farben verzichten, häufig eine Unsicherheit dahintersteckt oder eine Angst vor Kritik. Jede Farbe weckt eine Emotion. Weiß und Grau wecken wenig Emotionen auf den ersten Blick, deswegen tendieren Leute die Angst vor Kritik haben eher zu diesen Farben.

N: Gibt es Wohnungen die für Paarbeziehungen oder Familien schlecht sind? Und im schlimmsten Fall sogar zu seiner Trennung führen können?

Es gibt das Bedürfnis der sozialen Regulation. Das bedeutet, dass ich selber bestimmen kann, wann ich mit jemanden in Kontakt trete und wann ich für mich alleine bin. Wenn Wohnungen das ermöglichen, sind sie beziehungsfördernd, wenn sie das nicht zulassen sind sie für die Beziehung nicht förderlich. Das heißt aber nicht, dass es automatisch zu einer Trennung kommen muss. Wenn sich beide permanent im Wohnzimmer aufhalten, weil es im Schlafzimmer keinen Platz gibt, dann ist eine soziale Regulation nicht möglich. Eine sogenannte Crowdingsituation hat unterschiedliche Konsequenzen: Sie reduziert einerseits die Kontakt- und Kommunikationsbereitschaft und führt andererseits dazu, dass das Bedürfnis sich zurückzuziehen verstärkt wird Das heißt, Verhaltensmuster die man eher auf den Partner schiebt wie: er meidet den Kontakt oder ist nicht mehr so kommunikativ oder wir haben uns auseinander gelebt usw. Hinter all diesen Dingen kann auch ein nicht adäquater Wohnungsgrundriss stecken. Deswegen ist meine primäre Empfehlung zu schauen, dass es in einer Wohnung auch persönliche Nischen gibt. Vielleicht im Schlafzimmer oder auch im Wohnzimmer. Ein ganz persönlicher Bereich, der nur einer Person zugeordnet wird.

N: Aber irgendwie widerspricht das doch dem was Früher war, die Wohnungen sind ja immer größer geworden, aber die Scheidungsrate ist viel höher als Früher.

D: Eine größere Wohnung bedeutet nicht automatisch, das seine soziale Regulation möglich ist oder die wichtigsten Bedürfnisse erfüllt werden. Dazu muss die Wohnung auch richtig gestaltet und strukturiert sein. Das die Scheidungsrate gestiegen ist, hat durchaus auch mit einem Mangel an sozialen Regulationsmöglichkeiten zu tun. Warum die Leute früher länger zusammengeblieben sind, liegt aber auch an ökonomischen Gründen. Heute sind oftmals beide berufstätig und können – zumindest rein theoretisch – selbstständig leben. Das war früher nicht so. Die Menschen waren viel weniger zu Hause, die Männer waren viel länger in der Arbeit und der Haushalt der Frauen war auch teilweise außerhalb, also Wäsche waschen zum Beispiel. Je mehr Zeit wir in der Wohnung verbringen, umso mehr muss die Wohnung können.

N: Im Wohnbau geht der Trend stark zu „Serviced Apartments“ oder zu kleinen Vorsorgewohnungen zwischen 35 und 45 qm. Wie sieht das die Wohnpsychologie?

D: Die Wohnqualität lässt sich nicht in Quadratmetern messen. Das heißt es ist durchaus möglich auf kleinem Raum viele Bedürfnisse zu erfüllen, aber es wird schwieriger. Den Trend kostengünstige Kleinwohnungen zu bauen und dabei aber auf Gemeinschaftsbereiche zu verzichten finde ich nicht förderlich. Je mehr Singlewohnungen es gibt, umso wichtiger werden Gemeinschaftsräume, funktionierende soziale Begegnungsräume – sei es im Gebäude, auf der Dachterrasse oder im Wohnumfeld.  

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger leitet das Büro Wohnspektrum für Beratung und Projektanalysen (www.wohnspektrum.at) und ist Vorstand vom Institut für Wohn- und Architekturpsychologie (www.iwap.institute). Er absolvierte ein interdisziplinäres Doktoratstudium in Wohnbau und Psychologie und ist lehrend auf dem Fachgebiet der Wohn- und Architekturpsychologie tätig.

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